Sempervivum Kultivare von Georg Arends
erschienen in der "Semperrunde" Nr. 2 / 2001 © Erwin Geiger (leicht abgeändert im Februar 2011)
Das Chaos der Namen in unseren Listen ist jedem bekannt. Deshalb habe ich mich entschlossen, die Kultivare nach Züchtern geordnet vorzustellen. Besonders bei den älteren Sorten herrscht rege Verwirrung. Da gibt es Sorten in unseren Listen mit Angaben von Züchtern, die bei diesem jedoch unbekannt sind! Auch die Vielfalt der verschiedenen Pflanzen unter ein und dem selben Namen ist groß: Da stehen in meiner Sammlung nun sechs verschiedene Pflanzen unter dem Namen 'Rheinkiesel' - jedoch welche ist die Originalpflanze? Sicherlich sind hier viele Gärtnereien, die im Großhandel tätig sind nicht unschuldig. Jeder hat sie schon gesehen, die Töpfe in denen eine schlichte Sempervivum tectorum steht, mit einem farbigen Etikett mit dem Namen 'Commander Hay' oder 'Rubin' - auf welchem das Bild wieder eine andere Sorte zeigt. Jedoch auch wir Sammler können die ganze Schuld nicht auf andere abwälzen. So sind doch wir es, die diese Aufgaben der Züchter überprüfen sollten, bevor wir sie in unsere Listen aufnehmen. Zugegeben ist es nicht einfach und viele werden sich fragen, wozu all dieser Aufwand.
Leider musste ich oft feststellen, dass ich bei Gesprächen mit anderen Staudengärtnern keine große Resonanz verspürte bzw. wenige waren über die Gattung insgesamt wissend. Viele sehen diese entzückenden Pflanzen als Stauden der unteren Klasse an. Nun gut, wenn man den Pflanzen nicht die erforderlichen Ansprüche gibt, werden sie leicht unansehnlich. Sempervivum gelten als sehr pflegeleicht, jedoch übersehen viele deren Grundregeln: unbedingt vollsonnig, magere Erde und Frost im Winter, möglichst mit durchgehender Schneebedeckung, was Alpine auch am Naturstandort haben. Also doch wahrhaftig eine Staude mit ihren Ansprüchen und wir dürfen keinesfalls den Ruf "Sempervivum wachsen wie Unkraut" weiterhin akzeptieren! Hinzu kommt, dass die wenigsten all die schönen, meist selteneren Naturformen kennen und auch dort gibt es noch so manches zu entdecken.
Den Anfang dieser Beitragsreihe "Züchter & Ihre Hybriden" möchte ich mit Georg Arends machen. Da ich von Mai 2000 bis Juli 2001 in der Staudengärtnerei Arends-Maubach tätig war, konnte ich Einiges über unseren Urvater vieler Staudenzüchtungen, u. a. auch bei den Sempervivum, in Erfahrung bringen.
Georg Arends wurde im Jahre 1863 in Essen geboren. Drei Jahre nach Abschluss seiner Gärtnerausbildung zog es ihn in die Ferne, um den Gartenbau anderer Länder kennen zu lernen. Sein besonderes Interesse galt den Stauden, und damals wie heute war für derartige Ambitionen England die beste Adresse. Die Wochenenden nutzte er, um im Botanischen Garten von Kew seine Pflanzenkenntnisse zu erweitern und er entwickelte eine besondere Vorliebe für die "Rockery", den Steingarten, mit den reichen Sammlungen an Alpenpflanzen. Sicherlich hat ihn das später dazu inspiriert, in Ronsdorf einen großen Schaugarten in Form einer "Felspartie" zu bauen, aus dem sich inzwischen, 100 Jahre später, ein verwunschener Garten entwickelt hat. Später ging er nach Italien und als er im Winter 1887 zurück nach Essen kam, stand sein Entschluss fest und 1888 gründete er zusammen mit seinem Freund Ernst Pfeifer eine Gärtnerei in Ronsdorf, auf den rauen Höhen des Bergischen Landes. Sein Ziel war es, Stauden, die besonders winterhart sind, zu züchten. Dort sind viele namhafte Astilbensorten entstanden, die heute noch zum Standartsortiment vieler Staudengärtnereien zählen. Durch die Züchtungsarbeit an vielen Stauden, Rhododendron und auch an Pflanzen für die Gewächshauskultur, wie Primula obconica wurde die Gärtnerei weltbekannt. Auch drei der ersten Sempervivumsorten sind in Wuppertal-Ronsdorf entstanden. "Alpha" und "Beta" wurden 1927, "Gamma" im Jahre 1929 der Öffentlichkeit vorgestellt. Hierzu möchte ich den Auszug aus dem Buch von Georg Arends "Mein Leben als Gärtner und Züchter" S. 151 zitieren:
"Aus dem großen Heer der so verschieden gestalteten Sempervivum gefielen mir vor allen Dingen die Sorten aus der S. arachnoideum-Gruppe, deren Rosetten mit weißen Fäden wie mit Spinnengewebe überzogen sind. Die Mehrzahl ist jedoch kleinrosettig, und ich dachte mir, dass es gut aussehen würde, wenn großrosettige, namentlich dunkelgefärbte Arten und Sorten diese Silberfäden hätten. So wählte ich einige mir passend erscheinende Arten und Sorten aus, wie 'Triste', 'Violaceum', 'Atroviolaceum' und ähnliche. Die offenen Blüten wurden entfernt, die knospigen rechtzeitig kastriert und zum Schutz gegen Insektenbesuch mit dünnem Seidenpapier umhüllt. Dann erfolgte die Bestäubung mit Pollen der gleichfalls gegen Insektenbesuch geschützten spinnwebtragenden Arten bzw. Sorten. Der Erfolg war ein guter. Die Rosetten der Sämlinge waren größer als die der Vatersorten und hatten von diesen den spinnwebartigen Überzug, und z. T. auch die dunkle Blattfarbe der Muttersorten. Die Auswahl aus einigen hundert Sämlingen war schwierig. Eine Anzahl kam in die engere Wahl, und nach genügender Vermehrung, die eine gute Vergleichsmöglichkeit gab, wählte ich die drei Besten aus, die ich unter dem Namen 'Alpha', 'Beta' (1927) und 'Gamma' (1929) beschrieb und erstmalig anbot. Alle haben auf bräunlichen bis schwarzbraunen Rosetten die weiße, spinnwebartige Behaarung. Aussaaten dieser besten ergaben eine Fülle von Formen der verschiedensten Grundfärbung mit mehr oder weniger Behaarung. Ich bot sie dann in Samen und Pflanzen als "Sempervivum, Neue Ronsdorfer Hybriden" in meinen Preislisten an. Kreuzungen mit gelbblühenden Arten, wie S. ruthenicum, S. gaudinii (syn. für S. grandiflorum-Typ), S. pittonii und ähnliche ergaben nur unschöne, schmutzige Farbtöne, so dass ich diese Richtung nicht weiter verfolgte. Es ist jedoch nicht unmöglich, dass bei zielbewusst vorgenommener Weiterarbeit in größerem Maßstabe wertvolle, gutgefärbte Zwischentöne entstehen, bei gleichzeitig dunkler Belaubung."
Aus diesen "Ronsorfer Hybriden" haben sich zwei besonders schöne Typen heraus kristallisiert und wurden unter dem Namen 'Ronsdorfer Hybride No. 1' und 'Ronsdorfer Hybride No. 2' weitervermehrt. Bei einer der beiden Formen handelte es sich um die kleinste Sempervivum im Sortiment bei Arends. Leider ist dieser Kultivar bei Arends-Maubach nicht mehr in Kultur - ob sie noch bei einem Sammler unter den Pflanzen ohne Namen verweilt?
S. 'Amtmann Fischer', die oft mit dem Züchterjahr 1978 in unseren Listen erscheint ist dort nicht bekannt - zudem Georg Arends zu diesem Zeitpunkt bereits 26 Jahre tot war. Über S. "Rauranze", unter deren Züchterangaben auch manchmal der Name Georg Arends steht, konnte ich leider keine Angaben finden. Auch Sempervivum arendsii*, welcher Speziesname z. B. auch in der Gattung Astilbe und Saxifraga als Dank für die Züchtungsarbeit zu Ehren von Georg Arends vergeben wurde, ist sicherlich ein falscher Name - vielleicht eine Pflanze, die damals unter den "Ronsdorfer Hybriden" erstanden wurde...?
*Nachtrag: Es gibt unterschiedliche Pflanzen unter 'Arendsii' in Kultur. Eine davon gleicht 'Gamma', eine weitere im Aussehen wie eine großen S. arachnoideum Hybride. Es wäre also durchaus möglich, dass es sich um einen Sämling von Georg Arends Nachwuchs handelt.
Alle Züchtungen von Georg Arends:
'Alpha' - benannt im Jahre 1927:
Ca. 5 cm große, hellbraunrote Rosetten mit weißen Haarbüscheln, silbrig bewimpert (Abb. rechts). Die Blüten dieser robusten S. arachnoideum Hybride sind rosa, der Blütenstand wird 10-15 cm hoch. (Eltern: Mit 'Triste', 'Violaceum', 'Atroviolaceum' und ähnliche Kultivare mit S. arachnoideum eingekreuzt.)
Die Pflanze bringt etwas schräge Rosetten mit spitzeren Blättern hervor, die mit Haarbüscheln versehen sind. Helen E. Payne schreibt in ihrem Werk "Plant jewels of the high country" auf Seite 19: "Die Pflanze besitzt oft Nebenrosetten in doppelter Ausführung, welche Rücken an Rücken stehen, ähnlich eines Siamesischen Zwillings..."
'Beta' - ausgelesen in 1927:
Mittelgroße, ca. 3 cm große, braunrote Rosetten, die innen heller gefärbt sind (Abb. unten links). Jedes Blatt ist mit einem Büschel weißer Haare besetzt. Kompakte Pflanzen, die kompakte Polster bilden. Der Gesamteindruck im Frühling ist rotbraun mit silbrigem Glanz, die Blüten öffnen sich in dunkelrosaroter Farbe.
'Gamma' - benannt im Jahre 1929:
Meiner Meinung nach die schönste Arend'sche Sorte unter dem Trio 'Alpha', 'Beta' und 'Gamma': Kleinere bis mittelgroße, oliv - bis smaragdgrüne Rosetten, die im Frühling schwarzrote Töne zeigen. Die Blätter sind weiß bewimpert, was der Hybride vor allem im Frühjahr einen schönen Kontrast verleiht. Die weißen Haarbüschel an den Blattspitzen wurde ihr von ihrem Elternteil S. arachnoideum vererbt (Abb. unten Mitte). Blüten rosa.

'Ronsdorfer Hybride' - ausgelesen ca. 1935:
Eine Auslese der "Neuen Ronsdorfer Hybriden"*. Die Rosetten sind mittelgroß und zeigen ein besonders mattes Dunkelrot mit leicht bläulich-violettem Schein (Abb. oben rechts). Die Blüten sind rosa mit roter Mitte. Man könnte sagen im Gesamtbild wie eine dunkler gefärbte 'Beta'.
* Anmerkung im Februar 2011: Es handelte sich hierbei um Sämlinge der Hybriden 'Alpha', 'Beta' und 'Gamma', die der Züchter in seiner Gärtnerei vertrieb.
Datei herunterladen: Sempervivum Kultivare von Georg Arends - 247 KB
Quellenangabe:
Kataloge der Staudengärtnerei Arends;
"Mein Leben als Gärtner und Züchter" von Georg Arends;
"Plant Jewels of the high country" von Helen E. Payne.
